Die e-Sport-Szene entwickelt sich rasant und erfreut sich schweizweit zunehmender Begeisterung. Wir haben den professionellen Fifa e-Sportler Luca „LuBo“ Boller an der Offline-Qualifikation des Coca-Cola eCup im Pathé Dietlikon begleitet.

Sonntagnachmittag kurz vor 13 Uhr: Erstaunte Blicke an der Offline-Qualifikation des Coca-Cola e-Cup im Pathé Kino in Dietlikon. Wenige Minuten vor Ablauf der ersten Halbzeit unterbricht Luca „LuB0“ Boller zur Überraschung aller die Partie. Warum? Das fragen sich die zahlreichen Zuschauer…

Vor dem Anpfiff: ein Interview mit Luca "LuBo" Boller

Einige Stunden bevor Luca den unerwarteten Unterbruch verlangt, treffen wir den ersten professionellen e-Sportler der Schweiz, um ihn während eines Tages bei seiner Arbeit zu begleiten. Sein grauer Kapuzenpullover ist gesprenkelt mit den schwarzen Logos seiner Sponsoren. Einzig das rot-blaue Vereinswappen seines Teams – dem FC Basel 1893 – leuchtet farbig auf seiner linken Brust.

Luca "LuBo" Boller bei der Arbeit

Luca, wie sieht der Alltag eines e-Sportlers aus?

Für mich ist es ein Traumjob. Du kannst deinen Tagesablauf selbst gestalten und deine Trainings frei ansetzen. Deshalb arbeite ich viel in der Nacht und am Wochenende. Arbeiten heisst nicht nur Gamen, sondern auch livestreamen, Youtube-Videos schneiden, Instagram betreuen. Ausserdem übernehme ich bei unserem Team, dem FC Basel 1893, diverse Aufgaben. Die im wahrsten Sinne des Wortes einzigen Schattenseiten sind, dass man an einem schönen Tag wie heute den ganzen Tag drinnen sitzt (schmunzelt).

Wie hast du dich auf den Coca-Cola eCup vorbereitet?

Der Coca-Cola eCup wird im sogenannten 85er-Modus gespielt. Wir spielen nur mit Schweizer Mannschaften und alle Fussballer haben die Spielstärke von 85. Alle sind gleich stark und nur Faktoren wie beispielsweise die Körpergrösse kreieren einen leichten Unterschied. Das hat auch Einfluss auf den Spielfluss. Das Spiel ist langsamer und du kannst nicht so viel tricksen wie im normalen Modus. Entsprechend musste ich mich darauf vorbereiten und einstellen.

Was sind deine besonderen Fähigkeiten? Warum bist du besser als andere?

Die Erfahrung ist sehr wichtig. Ich kenne die Szene in- und auswendig, viele Spieler und das Game. Spielerisch zeichne ich mich durch meine Geduld und meine Ruhe aus. Mit den Jahren habe ich ein Auge für Spielsituationen entwickelt, wie es vielleicht nicht jeder hat.

Hast du einen Tipp für angehende e-Sportler, die so gut werden wollen wie du?

Was man braucht, ist ein gewisses Verständnis für den Fussball. Auf jeden Fall muss man die Spieler kennen, die man steuert. Ist er ein Rechts- oder Linksfuss? Wie gross ist er? Was sind seine Stärken und Schwächen? Dieses Wissen gilt es einzusetzen. Alles Weitere ist Training. Die Ruhe und die mentale Stärke, um in stressigen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren, gilt es auch zu entwickeln. Und natürlich wird man besser, wenn man viel gegen andere, stärkere Spieler spielt. Am Ende ist es ein Mix aus Talent und viel Training.

Was sind deine grössten Erfolge?

Sicherlich die zwei Schweizermeistertitel 2014 und 2018. Auch habe ich die Schweiz fünf Mal an der virtuellen Bundesliga vertreten dürfen. Und nicht zuletzt natürlich das Engagement für den FC Basel.

Du bist der erste FIFA e-Profi der Schweiz. Wie lebt man davon?

Im Vergleich mit einem „richtigen“ Fussballprofi bescheiden – da liegen natürlich noch Welten dazwischen. Aber ich bin nicht des Geldes wegen e-Sportler geworden. Für mich steht der Spass an meiner Arbeit im Vordergrund.

Anpfiff – und die Erklärung des Unterbruchs

Am Coca-Cola eCup Turnier in Dietlikon herrscht eine ausgelassene, mit latenter Spannung angereicherte Stimmung, wie man sie auf Schulhöfen vor wichtigen Prüfungen beobachtet. Nach und nach finden sich immer mehr junge, vornehmlich männliche Teilnehmer auf dem sonnigen Vorplatz des Kinokomplexes ein, die sich rasch zu kleinen Grüppchen formieren. Neuankömmlinge werden mit lauten Zurufen empfangen. Man kennt sich – von Online-Partien und jetzt auch persönlich.

Bevor das Turnier startet, müssen sich die Teilnehmer registrieren und erhalten von den Organisatoren Instruktionen. Nach Erstellung des Spielplans ist klar: Luca ist bald an der Reihe. Er hat eine Station in der Mitte des Saals zugeteilt bekommen und schiebt sich gemächlich durch die Menge bis zu seinem Platz. Seinen Gegner begrüsst er freundlich per Handschlag und bis das Spiel beginnt, reicht es noch für etwas Small Talk. Dann geht es los.

Luca Boller: volle Konzentration vor gespannten Blicken

Seine innere Ruhe, von der Luca im Interview gesprochen hat, äussert sich in seinem hochkonzentrierten, fast schon stoischen Gesichtsausdruck. Selbst der 1:0 Führungstreffer in der 36. Minute ist - zumindest an seiner Körpersprache – von blossem Auge kaum wahrnehmbar. Vielleicht ist es diese selbstverständliche Bescheidenheit, die uns diesen Sport zunehmend sympathisch macht. Kein Lamentieren, keine Theatralik, keine Selbstinszenierung. Ohne grossen Wirbel geht denn auch das Spiel zu Ende. Die erste Runde ist überstanden.

Sportlich und fair: der Handshake nach dem Spiel

Es geht nahtlos weiter. Luca installiert sich hinter einer Tribüne am Ende des Saals. Das Spiel wird via Livestream übertragen, Kommentator inklusive. Und die Zuschauer kommen voll auf ihre Kosten. Gleich zu Beginn verschiesst Luca einen Elfmeter. Danach geht es Schlag auf Schlag. Nur wenige Minuten nach dem Führungstreffer für LuBo geschieht der Ausgleich. Und dann folgt die aufregende 41. Minute, in der Luca das Spiel unterbricht. Ein „Bug“ - wie ein entwicklungsbedingter Fehler in Fachkreisen genannt wird – stört das Spiel.

Luca Boller wenige Sekunden vor dem Unterbruch der Partie

Nach dem Match erklärt Luca: "Wenn zwei Spieler dieselbe Mannschaft wählen, kann es vorkommen, dass bei der Auswärtsmannschaft der Linksverteidiger nicht dort steht, wo er eigentlich sein sollte. Erst ist mir das während der turbulenten Anfangsphase gar nicht aufgefallen, doch im Verlauf des Spiels habe ich mich ständig gefragt, wo denn mein Linksverteidiger eigentlich ist. Und tatsächlich kam mein Gegner dann über diese linke Seite und konnte den Ausgleichstreffer erzielen. Das war natürlich ärgerlich."

Nach einer Besprechung im kleinen Kreis einigt man sich darauf, die Partie weiterzuführen. Die zweite Halbzeit beginnt mit einem weiteren Penalty, den Luca problemlos verwertet. In der 83. Minute schliesslich der finale Siegesstreffer zum 3:1-Endstand. Luca ist nach seinen zwei Startsiegen zufrieden: "Ich hatte im ersten Match einen Gegner, den ich vorher nicht wirklich kannte. Er hat sehr gut gespielt und die Partie ausgeglichen gestaltet." Darauf angesprochen, dass seine Matches von sehr vielen Zuschauern verfolgt werden: "Ich bin mir das gewohnt und schätze das natürlich. Wobei die Leute natürlich auf ein spannendes Spiel hoffen und häufig den Underdog unterstützen, was ich übrigens gut nachvollziehen kann. Ich bin da genau gleich und unterstütze im Fussball auch eher den Aussenseiter."

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Tatsächlich setzt sich schlussendlich ein Aussenseiter gegen den ersten e-Profi der Schweiz durch. In der sechsten Partie des Tages endet LuBos Siegesserie im Viertelfinale. Ein früher Gegentreffer seines stark aufspielenden Gegners "Doni" bringt ihn unter Druck – trotz seiner Gelassenheit gelingt ihm der Turnaround nicht mehr. Die Qualifikation für das Coca-Cola eCup Grand Final in Basel bleibt ihm vorerst verwehrt. Aber ans Aufgeben denkt Luca nicht: Er wird an weiteren Offline-Qualifikationen des Coca-Cola eCup teilnehmen. Schafft es Luca dort unter ins Final zu kommen, ist er am 5. Mai in Basel mit dabei!

Das Tableau der Offline-Qualifikation des Coca-Cola eCup im Pathé Dietlikon vom 24. März 2019